Literaturportal Bayern: Interview »Macht über mich selbst haben«

Schon im November fragte mich die Schriftstellerin und Freundin Gunna Wendt, Biografin von anarchischen Charakteren wie Liesl Karlstadt, Helmut Qualtinger, Paula Modersohn-Becker, Maria Callas, Franziska zu Reventlow, Lou Andreas-Salomé, Lena Christ, Erika Mann, Therese Giehse und Henrik Ibsen, ob sie mich für ein Dossier zum Thema Anarchie im Literaturportal Bayern interviewen dürfe. Natürlich sagte ich ja. Denn mir war es schon immer wichtiger, »Macht über mich selbst zu haben, als mittels Macht über andere an diese gebunden zu sein. Was schon eine lebenslange Aufgabe ist, zu lernen, dies konstruktiv, mit sich und anderen zu leben, egal ob im persönlichen oder künstlerischen oder gesellschaftlichen Kontext. Da ja kapitalistische und patriarchale Prägungen, und wohl auch die Natur des Menschen, dem oft genug entgegenstehen.« Wünschen würde ich mir eine »anarchistische und kooperative Gesellschaft …, in der Menschen, die Verantwortung für sich selbst und ihre Bedürfnisse, Fähigkeiten und Neigungen, und entsprechend ihren Kapazitäten für andere, übernehmen, so dass eine konstruktive Gesellschaftstruktur ohne destruktive Machtspiele und Hierarchien und Unterdrückung entstehen kann.« Mehr darüber, was anarchisches Denken aus meiner und anderer Sicht sein und bewirken könnte, ist im kürzlich erschienenen Dossier und hier im Interview »Macht über mich selbst haben« mit mir, Sarah Ines, zu lesen sowie in weiteren Interviews mit Konstantin Wecker, Philip Bradatsch, Michaela Dietl, Luisa Francia, Wolfram Kastner und Thomas Grasberger. Am Ende des Interviews mit mir ist auch ein Auszug meiner Beat Poetry Collage »real radikal viral« zitiert, die aus meinem Nachdenken über innere Radikalität entstanden und unten in voller Länge zu lesen ist und auch schon in einer vorpandemischen Version »real radikal« on Stage in der Konzertreihe impro.visionen #7 mit Saxofonistin/Flötistin Karina Erhard und Schlagzeuger Günter Schaubeder zu hören war.

real radikal viral

summer in the city
mondays and fridays
for future

alarmismus von apologeten?
hybris heidnischer wutbürger?
platz für privates heldentum?
gestern gockelei beim cocktail?
name dropping mit fingerfood?
heute viral virile mechanismen?
populistische verbalakrobatismen?
grundrechte sind gerade eine ware
wo ist krieg und krass kohlendioxid?
protest als kommunikatives element?
endlich mal haltung zeigen?

make it simple for dummys
german angst vor blitzen und stürmen?
where the gras is hot
and buzzwords
are pretty

klimawandel
industriekiller
subsistenzwirtschaft
globaldoktrin nachhaltigkeit
interessiert niemand mehr
in kleinen zuhausekästchen
hübsch freundlich und adrett
oder heliozentrisch hässlich
dampf ablassen

in demokratien
gibt es keine hungersnöte
nur güterungerechtigkeit
als ob die mal pausiert
fortschritt für alle
propaganda der tat
freie radikale

helikopter oder drohne
funkferngesteuertes auto
leben im allgemeinen bild
berührung ist lächerlich
daheim schlagen die funken
herzrhythmusstörungen
humaner beziehungen
patriarchal befeuert
rädchen in fabriken
small talk on earth
alles ziemlich fad

roh romantik
demontiert die
natürliche ordnung
der emotionen
hui pfui
spießerei

wo wie wohin
wo lang wohin
am abgrund entlang gekotzt
sozial euphorisch distanziert
larmoyant aufs jenseits scheißen
solidarisch laktosefrei
leistungsmaschine gebären
also wie also was
geld scheißen
einen goldesel halten
dieses hamsterrad
drehst du mit
mit klopapier
und kurzarbeit
und einsamkeit
dieses hamsterrad
dreht dich um
jenseits von eden
raum und zeit
utopie dystopie
unschärferelation
hält dich am leben
hin und her und hin
schiebst du die kohlen
im ofen der progression
prozess prekär fäkal pränatal
einen kapitalistischen kaffee
kannst du dir noch leisten
die kunst eigentlich nicht
egal in welchem aggregatzustand
aber sie hält dich am leben

wenn die welt durchdreht
dreh ich am rad
verfang mich in den speichen
spring aber schnell wieder auf
stehaufmännchengleich
wackle ich herum
bin eine bibabutzefrau
und ruf helau

im märchen leben die leute
und wenn sie nicht gestorben sind
leben sie noch heute
quasi ewiges leben unendliche zeit
dafür müssen sie einmal im leben
ein paar monster besiegen
und jede menge zahlen
zeit ist begrenzt
besiege jeden tag
eigene monster

egal ob banal pauschal
oder real radial radikal
die tonleiter rauf und runter
das alphabet von eins bis 26
on fire oder völlig nüchtern
extrem schnell oder slow hand
in der trambahn oder im all
mit herz und hand und hirn
mit maske oder ohne nase
pur dahin wo es hin muss
plus minus wie es ist

summer in the city
mondays and fridays
for future

where the gras is hot
and magic moments
are pretty

© Header: Artwork von Wolfram Kastner »ARTE amore ANARCHIA« und Foto Gunna Wendt und Sarah Ines am Weißenburger Brunnen München vor einem Konzert im September 2020 mit Gitarrist Mario Knapp im Hintergrund

Schreibe einen Kommentar

Deine E-Mail-Adresse wird nicht veröffentlicht. Erforderliche Felder sind mit * markiert.