»sarah ines« LESEN

Sei mein Romeo

»Einen Romeo, bitte«, sagte ich zum Barkeeper.
Ich will dich trinken, in kleinen Schlückchen. Ich nenne dich Romeo. Ich Julia, du Romeo. Will die Buchstaben deines wahren Namens einzeln auf meiner Zunge perlen lassen. Wo bist du? Wer bist du? Wie heißt du wirklich? Mein namenloser Geliebter.
Der Barkeeper grinste mich schief an und sagte: »Sorry, Madam.«
Schon gut, ich weiß, es gibt keinen Drink dieses Namens. Warum eigentlich nicht? In der Cocktailkarte finde ich dich auch nicht. Höchstens bei den Zigarren. Aber nirgendwo sonst. Einen Alexander könnte ich trinken. Oder einen Negroni. Oder einen Sidecar. Aber ich will lieber einen Romeo.
»I can create one for you ...«, sagte der Barkeeper.
Oh ja, verkauf mir Träume. Ach bitte, mix mir meinen Traummann. Auf einem Traumschiff muss das doch möglich sein. Ich weiß, ich bin unvernünftig. Ist gar nicht meine Art. Schließlich verkaufe ich selbst Werbeträume. In meinem anderen Leben. Im Alltag. Aber der ist weit weg. So wie du. »Ich hoffe, wir sehen uns an Bord«, hast du am Kai gesagt, wortwörtlich, und »Schau mir in die Augen, Kleines«, mit den Augen. Dann bist du verschwunden im Ameisenhaufen von roundabout zweitausend Passagieren. Wie eine Fata Morgana. Komm, nur einmal, komm. Spiel mit mir. Dein Duft, ich frage mich, was trägst du für einen Duft? Oder trägst du nur den Duft deiner Haut? Spielt keine Rolle. Ich habe dich in meiner Nase gespeichert, bin durchtränkt von dir. Und jetzt trinke ich dich. Und dann vergesse ich dich. Muss dich vergessen. Kann dich nicht vergessen.
»Danke«, sagte ich zum Barkeeper und nahm einen tiefen Schluck. Mit geschlossenen Augen. Hinter mir bestellte eine männliche Stimme einen Chateaux de tralala, irgendeinen französischen Wein. Ich hörte nicht zu. Nur meine Nase kräuselte sich. Nein, das war er nicht. Oder doch? Ich drehte mich um. Natürlich war er es nicht. Wäre ja auch zu leicht gewesen, nachdem ich schon alle zwölf Decks auf der Suche nach ihm durchmessen hatte. Es war wieder nur ein Fremder.
»Enchanté«, sagte der Fremde zu mir und lächelte mich an.
»Un autre, pour moi, et pour Madame«, sagte er dann zum Barkeeper.
»Wunderschöne Augen ... ihr Haar duftet ... ich beobachte Sie schon seit Tagen ... dies ist wohl auch Ihre Lieblingsbar ... klein aber fein ... man ist ungestört.«, sagte der Fremde zu mir, seine Augen wanderten langsam über meinen Körper. »Wirklich, Sie sind magnifique ... merveilleuse. Ich darf Sie nicht wieder verlieren.«
»Quelles bêtises. Was für Dummheiten«, sagte ich.
Der Fremde lachte und ich lachte wider Willen mit.
»Ich heiße Julia. Wie heißen Sie?«, fragte ich schließlich, »nein, sagen Sie nichts, darf ich ... darf ich Sie Romeo nennen.«
Warum hatte ich das gesagt? Ich wusste es nicht. Ich sah nur die silbernen Strähnen an seinen Schläfen. Wie bei meinem Romeo. Ich wollte ihn jetzt. Ich war der Suche müde.
Der Fremde sah mich prüfend an, gekränkt schien er nicht zu sein, dann lachte er wieder.
»Gefährlich, gefährlich ... ein Spiel also«, sagte er, stand auf, nahm meine Hand und hauchte einen Kuss darauf. »Natürlich können Sie mich nennen, wie Sie wollen, ma chère. Meinetwegen auch Romeo.«
Der Kuss brannte auf meiner Hand. Billie Holiday sang. Der Barkeeper stellte noch einmal das Gleiche hin. Hinter uns sagte jemand: »Bye bye.« Wir waren allein. Rien ne va plus.
Ich stand auf.
»Hallo Romeo«, sagte ich.
»Hallo Julia«, sagte er, trat hinter mich, pustete mir warm in den Nacken und drängte mich gegen die Bar.
»Willst du mich, Julia?«
»Ja, Romeo, ich will dich, jetzt sofort!«
»Sag mir, was du willst.«
Ich rang nach Worten.
Der Barkeeper polierte Gläser und beobachtete uns wie possierliche Tiere im Zoo. Er hatte perverse Augen. Wissende Augen. Er würde unser Zeuge sein. Aber Zeuge von was?
Ich stand mit leeren Händen vor ihm, fand keine Worte, hatte meinen Text vergessen, hatte mich so lange nach ihm gesehnt, mir ausgemalt, was er mit mir und ich mit ihm tun würde. Ich atmete tief durch und zählte innerlich bis drei. Weiter im Text. Ohne Worte. Ich nahm seine Hand und legte sie auf meinen Busen, nahm die andere und schob sie unter meinen Rock. Ich hielt die Luft an. Er rührte sich nicht. Seine Hände auf mir, bewegungslos. Ich glühte, wollte, konnte mich nicht rühren. Sein Mund senkte sich auf meinen Hals. Wie Schmetterlinge rieselten seine Küsse. Dann biss er mich. Ich schrie auf.
»Sag mir schöne und schmutzige Worte«, flüsterte ich.
Im Salon eine Dame, im Bett eine Hure, will ich sein. Will ganz deine sein. Press meine Melonen, rolle meine Brustwarzen wie Zigarren zwischen deinen Fingern. Tauch mit deiner Hand in meine feuchten Träume. Beende meine Vagina-Monologe. Erforsch mein Venushügeltal. Lieb mich, fülle all meine Öffnungen. Bis ich du bin, und du ich.
Aber er schwieg, biss mich noch einmal in den Nacken, schob dann meinen Rock hoch, hob mich auf einen Barhocker. Sein Mund schob mein Höschen zur Seite, seine Zunge umkreiste meine Klitoris und drang dann in mich ein.
Ich tanzte auf dem Vulkan. Lavaströme sammelten sich in mir. Aber er ließ mich nicht kommen.
Der Barkeeper sah uns gebannt zu, ein vergessenes Glas in der Hand, das er abwesend polierte und zum Klingen brachte.
Wie die Musik in meinem Kopf.
Er grinste dem Barkeeper zu. Dann zog er mich vom Hocker, drängte mich gegen die Bar und drang von hinten in mich ein, meine Hände und Brüste lagen auf der Bar wie Gräser und Lotusblüten auf einem Teich.
Er stieß in mich hinein, bis der Vulkan ausbrach. Ich war der Vulkan. Der Tanz war zu Ende. Ich fiel.
»Romeo«, schrie ich.
»Meine Julia«, sagte er und küsste mich auf die Augen.
Als ich zu mir kam, war er fort und ich allein in der Bar. Mit dem Barkeeper, der seine Gläser polierte, als wäre nichts geschehen.
»Darf ich morgen dein Romeo sein?«, fragte er, als ich ging.

© Sarah Ines

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