»sarah ines« LESEN

Un altro

Luganaduft in meinem Mund. Als ich dich sehe. Kussreflex. Mein Lippenstift verschmiert das Glas. Kalt tropft der Wein auf meine Schenkel, die sich dir unwillkürlich öffnen. Meine Augen wie Tentakel, die dich abtasten, mit Infrarot dein offenes Hemd durchdringen, die Haare auf deiner Brust zählen, hinunterwandern zu deinen mir verbotenen Zonen, dort verweilen, flackern. Schon will ich den Blick abwenden. Doch nein, nur einmal noch, einen Blick aus deinen Männeraugen stehlen. Einen letzten italienischen Sonnenstrahl erhaschen, den Untergang hinauszögern.
Doch du erlaubst es nicht, fängst ihn ein, den Augenblick, den ich werfe. Mokant verziehen sich deine Lippen, bevor du weitergehst, hinter dem Horizont verschwindest, eine Fata Morgana, dein Blondmariechen bauchfrei stöckelnd fest an dich gedrückt, deine Hand auf ihrem Pogebirge.
Ich erschrecke, als deine Hand sich in meine schiebt.
»Die Gedanken sind frei«, sagst du und pustest mir in den Nacken.
»Un altro, per favore«, höre ich mich kühl zum Cameriere sagen.
Aber ich kann dich nicht täuschen.
»Trink!«, sagst du.
Und ich gehorche stumm.
»Jetzt zeig’s mir!«, sagst du.
Und ich lasse den Wein, diesmal mit Absicht, auf meine halterlos bestrumpften Beine tropfen, wo er sich mit kleinen Schweißtröpfchen vermischt und zu einem Strom ins Tal der Venus wird. Deine Finger folgen dem Weg, den ich dir vorzeichne. Masken tanzen über den Laufsteg der Nacht. Die Bardoliprinzessinnen und Bacchusjünger sind auch dabei. Mein Italienisch habe ich vergessen. Ich brauche es auch nicht. Man spricht Tedesco hier. Du auch. Aber das wusste ich ja. Als ich dich ansah.
Jetzt sehe ich dich nicht an. Ich spüre nur deine Hand unter dem Tisch, die sich über Gebirgspässe in mein geheimes Tal vorarbeitet, das nach dir schreit. Eine fleischfressende Pflanze pulst dort und wartet auf dich. Dich zu verschlingen.
Doch du lässt dich nicht fangen. Lieber neckst du meine Knospe und schickst mich auf eine Berg- und Talfahrt.
»Trink mich, nimm mich!«, will ich schreien, will mich aufbäumen, erschauern, mich winden unter deinen Händen. Aber ich kann, darf mich nicht rühren. Blicke bannen mich. Deine und andere.
Du quälst mich, planzt mit deinen Fingern Weinreben und -ranken in meinen Schoß. Du kelterst Trauben auf meiner Klitoris. Bis Wasser zu Wein wird und mir der Blick bricht.
»Un altro, per la signora!«, sagst du.
Da weiß ich, dass du mich noch liebst.

© Sarah Ines

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