»sarah ines« LESEN

Du bist mein und ich bin dein

Humor ist, wenn man trotzdem lacht, dachte sie, und starrte auf die Kerbe im Rand ihres Tisches. Sie starrte auf diese winzige helle Kerbe in dem dunkel lackierten Holz. Dein Schmerz ist auch mein Schmerz, dachte sie, mein Schmerz ist auch dein Schmerz, deshalb wirst du jetzt für immer und ewig meinen Schmerz tragen. Und sie schaute aus dem Fenster in den Himmel. Sie sah ihn. Sie winkte. Sie sah ihn überall. Wie er sie ansah. Voll Sehnsucht. Immer und überall. Sie schloss die Augen, und diese winzige helle Kerbe wuchs zu einem riesigen dunklen Loch, in dem Figuren agierten, die ihr fremd waren.
»Verzeih mir«, hatte er zu ihr gesagt.
»Es gibt Dinge, die kann man nicht verzeihen«, hatte sie geantwortet.

Es war Freitagnacht, Anfang März. Draußen war es kalt und dunkel. Sie stand hinter der Bar, goss Scotch in ein Glas und ließ ein paar Eiswürfel hineinfallen. Gerade hatte ihr jemand einem Witz erzählt, sie hatte müde gelächelt und an ihr Bett gedacht, als sie ihn durch die Tür kommen sah.
»Hallo Bärchen«, sagte sie, »willst du mich abholen?« Sie blickte auf die Uhr, die zwischen lauter Flaschen stand. Eine Stunde noch.
Sein Blick war schon etwas verschwommen.
»Na, wo hast du dich rumgetrieben?«, fragte sie scherzend.
»Ach«, sagte er, »du weißt schon, ein bisschen tanzen, ein bisschen dies, ein bisschen jenes.« Er sprach sehr laut.
Sie hantierte mit Gläsern, Flaschen, schäumendem Bier.
»Kannst du mal ...? Das Essen ist schon da«, rief der Kellner ihr zu.
»Ich nehm auch noch nen Drink«, sagte ein Gast.
Während sie arbeitete, hörte sie wie immer mit halbem Ohr den Gesprächen an der Bar zu. Sie schaute zu ihm hinüber. Er sprach laut auf einen ihrer Stammgäste ein, der mit undurchdringlichem Gesicht zuhörte und den sie jetzt schon: »Dein Kerl hat mir mal wieder ein Ohr abgekaut«, sagen hörte.
Kryptische Geschichten, dachte sie.
So war das immer, wenn er die Grenze überschritten hatte, wenn er nicht mehr Alkohol im Blut sondern Blut im Alkohol hatte. Was er dann sagte, schien lauter Unsinn zu sein, zusammenhanglos. Kryptische Ausschnitte aus den komplexen Gedankengängen, die in seinem Kopf rumorten.
Als sie ihn vor zwei Jahren das erste Mal gesehen hatte, hatte sie zuerst gedacht, der ist mir zu kindlich. Aber dann. Nach einer Woche. Er war der erste Mann, der ohne Umschweife und ohne Angst sagte, was er für sie fühlte. Er wollte sie. Er liebte sie, ohne jede Bedingung. Und er war so zärtlich zu ihr. Kein Mensch war vollkommen.
Sie hatte gelernt, es zu ignorieren. Sie konnte ja weggehen. Aber gerade jetzt konnte sie das nicht. Sie musste hinter der Bar stehen und es über sich ergehen lassen. Sie hasste ihn dafür. Er sperrte sie ein in den Dunstkreis seines Gedankenpuzzles. In ihrem Bauch sammelte sich heiße Wut.
Dann schaute sie auf die Uhr, lächelte und begann langsam aufzuräumen. Er war still geworden, sah zu ihr hinüber. Sie beachtete ihn nicht. Gleich ist Feierabend, dachte sie und die Wut in ihrem Bauch verschwand und wich einer schweren Müdigkeit.
Als sie zusammen im Taxi saßen, schmiegte sie sich an seine Schulter und schloss die Augen. Er sprach mit dem Fahrer, aber sie hörte nicht zu. Sie döste schon halb. Als sie ausstieg, schwamm in ihren Gedanken ein Bild von weichen Decken, Kissen und Armen, die sie im Schlaf umfingen. Aber, so viele Stufen vor sich.
»Warte doch«, sagte er, »ich will mit dir reden.«
Sie blieb stehen. »Was ist?«, fragte sie.
»Ich muss mit dir reden. Über alles, über alles, was passiert ist. In den drei Wochen, die ich weg war, habe ich gemerkt, was wichtig ist. Das mit der anderen, das hat keine Bedeutung. Ich war ...«
»Ich weiß«, sagte sie und stieg weiter die Stufen hinauf, »aber ich will jetzt nicht diskutieren, ich bin todmüde. Lass uns darüber reden, wenn ich morgen Abend vom Seminar nach Hause komme. Ich bin so müde. Es ist fast vier, und ich muss um neun schon wieder aufstehen.«
»Aber ich muss es dir jetzt sagen. Ich war drei Monate lang dumm. Ich musste erst drei Wochen von dir weg sein, um zu merken, wie dumm ich war.«
»Ich habe drei Monate gewartet, dass du dich entscheidest, dass du mit mir schläfst, dass du mich in den Arm nimmst, dass du nicht mehr an sie denkst. Dann kannst du doch wenigstens einen Tag warten«, sagte sie erschöpft, als sie die Tür aufschloss.
»Ich habe dich so vermisst. Du warst nicht bei mir, drei Wochen. Ich muss jetzt mit dir reden. Ich ...«
Sie schaltete das Licht ein. »Aber ich nicht, ich will einfach nur schlafen«, sagte sie abwehrend, »in deinem Arm liegen und schlafen, schlafen, schlafen ...« Ihre Stimme verklang in einem leisen und sehnsüchtigen Ton.
»Ich will, ich bin, ich bin dein, das weiß ich jetzt, ganz dein, und du bist mein. Ich will immer mit dir zusammenbleiben. Du musst mir zuhören.« Er packte sie am Arm. »Weißt du, es war ...«
Sie schüttelte seinem Arm ab. »Ich kann heut nicht mehr«, sagte sie, »ich kann nicht mehr denken. Versteh das doch endlich. Ich kann nicht mehr ...«
»Es war ...«
»Ich kann nicht mehr«, schrie sie auf.
»Du musst ...«
Ruhig, ruhig, befahl sie sich selbst. »Ich glaube, es ist besser, ich schlafe in meinem Zimmer, allein, und du in deinem«, sagte sie dann mit erzwungener Gelassenheit.
»Du verstehst mich nicht. Ich muss dir erzählen, wie ...«
»Nein, nein, lass mich in Ruhe«, sagte sie, »ich will schlafen.« Sie ließ ihn stehen, ging in ihr Zimmer, schloss die Tür, leise aber bestimmt.
Aber er gab keine Ruhe, stand vor ihrer Tür, sprach laut und vorwurfsvoll weiter. Sie konnte seiner Stimme nicht entfliehen. »Lass mich endlich in Frieden, ich will schlafen«, schrie sie.
Bewegungslos sah sie zu, wie die Türklinke sich senkte, wie er die Tür öffnete, wie er an ihr Bett trat und sich auf die Bettkante setzte.
»Ich bleibe jetzt hier, du kriegst mich nicht weg«, sagte er.
»Geh raus«, sagte sie. Er machte ihr plötzlich Angst. Sie versuchte, ihn hinauszudrängen.
»Ich will dich nur ...«, sagte er eigensinnig.
»Du willst, du willst, du willst«, schrie sie, »ich will aber nicht, ich will schlafen.« Sie schob ihn hinaus, schlug ihm die Tür vor der Nase zu, sah, wie die Klinke sich bewegte und hielt die Tür zu. Sie stand mit dem Rücken zur Wand und sie wehrte sich mit allen Kräften.
»Du musst mir zuhören«, schrie er.
Er schob von außen. Sie hielt von innen. Sie lehnte sich gegen die Tür. Kleider, die an einem Haken an der Tür hingen, streichelten dabei ihre Wange. Doch sie schaffte es nicht, die Türklinke oben zu halten. Die Tür gab schließlich nach. Die Türangeln, die schon immer etwas locker gewesen waren, knirschten. Die Klinke glitt ihr aus der Hand. Er stand vor ihr und starrte sie an, starrte auf die Tür, die unter dem Gewicht der vielen Bügel und Kleider zitterte. Er starrte und dann fegte er sie alle herunter.
»Das ist meine Tür, das ist mein Zeug. Geh weg.« Sie klaubte ihre Kleider vom Fußboden und hängte sie wieder auf. Er fegte sie wieder herunter, riss die Tür dabei halb aus der Wand.
»Warum musst du alles kaputt machen?«, schrie sie. Sie stemmte die Tür hoch, versuchte die Angeln wieder in die Löcher im Rahmen einzupassen. Er stand stumm und starr neben ihr.
»Warum musst du alles kaputt machen?«, fragte sie ihn noch einmal wütend, wollte ihn hinauswerfen.
Da erwachte er aus seiner Erstarrung, warf sie auf ihr Bett und schlug wahl- und ziellos auf sie ein.
»Hör mir zu, du sollst endlich zuhören«, schrie er.
Sie duckte sich unter seinen Schlägen. Sie hatte eine Todesangst. Er würde sie umbringen. Sie versuchte, ihm zu entschlüpfen und davonzurennen, aber er folgte ihr, fegte ihre Garderobe ein zweites Mal vom Haken und schlug wieder auf sie ein. Sie lag am Boden und hielt sich die Hände schützend vors Gesicht. Er war ein Mann. Er war physisch stärker als sie.
»Du bist ein Feigling«, schrie sie.
»Wieso hast du dann Angst vor mir?«, schrie er zurück, triumphierend.
Sie lief ihm davon, in die Küche. In zitternder Angst und fliegender Eile holte sie ein großes scharfes Messer aus der Schublade.
»Wenn du mir zu nahe kommst, ersteche ich dich.« Angst und Wut machten sie blind. Das Messer glitzerte in ihrer Hand. Sie hielt es schützend vor sich. Sie wollte sich schützen. Alles sträubte sich in ihr, aber die Angst war stärker.

Ich weiß nichts von Gewalt. Und doch will ich um mich schlagen. Wenn man mich bedrängt, mir mein Ich nimmt, mir meinen Stolz nimmt, mich als leere Hülle zurücklässt. Ich möchte mit diesem Messer um mich stechen, aufschlitzen, was mir unter die Finger kommt, ob es lebendig ist oder nicht, den quälen, der mich quält, mich, die ich weich und verletzlich, zäh und stolz zugleich bin. Ich möchte ihn herausfordern, aber er antwortet nicht. Er schaut mich nur lauernd an, als verstehe er nicht. Blut soll fließen, Blut und Wut.
Ich möchte weinen. Ich kann ihn nicht anrühren, bin nicht einmal imstande zuzusehen, wie er leidet. Ich möchte ihn trösten, um nicht selber weinen zu müssen. Sein Schmerz ist mein Schmerz. Ich schaue ihn an.
In meinen Augen glitzert die Angriffslust der Todesangst. Ein Kampf der Blicke. Ich möchte ihn in den Bauch schlagen, in die Nase beißen, Augen und Geschlecht zerkratzen, auf den Zehen herumtrampeln, jedes Haar einzeln ausreißen, genüsslich von oben bis unten, Stück für Stück.
Aber ich tue es nicht. Alles in mir sträubt sich, Hand an ihn zu legen. Sein Schmerz ist immer noch mein Schmerz. Ist mein Schmerz noch mein Schmerz? Ich bin allein damit. Doch wenn er mich nicht mehr hören kann, soll er niemand und nichts mehr hören. Ich will ihm alle Wörter und Worte, die er mir zur Qual sagte, ins Ohr schreien. Ich will so Vieles tun, damit er stirbt, wie ich schon gestorben bin.

Er schlug ihr das Messer aus der Hand. Ihre letzte Waffe landete krachend auf dem Küchentisch, blieb zitternd stecken und zerbrach mit einem hässlichen Ton. Er wollte sie an sich reißen. Doch sie schlüpfte ihm durch die Arme, lief davon, in ihr Zimmer, stellte die aus den Angeln gerissene Tür zu und lehnte sich zitternd dagegen.
»Es ist aus, es ist aus, das ist das Ende«, schrie eine fremde Stimme, von der sie verwundert feststellen musste, dass es die ihre war, »du hast soeben unsere Liebe zerstört.«
Ein dumpfer Schrei antworte ihr und dann Ruhe. Sie zitterte. Sie konnte nicht mehr denken. Sie konnte sich nur noch fragen, was als Nächstes käme. Was würde er jetzt tun? Sie hörte ihn im Flur hin- und herlaufen wie einen Tiger. Er schimpfte vor sich hin.
»Du Betrügerin, warum gehst du weg? Du betrügst mich«, schrie er dann plötzlich.
Sie hielt sich die Ohren zu. Sie wollte nichts mehr hören. Es war aus. In ihr war nur noch tiefe gähnende Leere. Aber sie konnte nicht schlafen, denn er ging immer noch draußen auf und ab und beschimpfte sie, zählte ihre sämtlichen Fehler auf.
Dann plötzlich veränderte sich seine Stimme, wurde weich und flehend. »Geh nicht weg, bleib bei mir«, sagte er vor ihrer Tür, »wenn wir das überstehen, überstehen wir alles, dann sind wir vor allem gefeit.«
»Es ist Schluss«, sagte sie und fühlte dabei ein Pochen an ihrem Ohr, Zähne und Kiefer taten weh, waren wie betäubt.
Dann hörte sie ein Rumoren.
»Was machst du da«, fragte sie, angstvoll beherrscht.
»Ich schlafe vor deiner Tür, ich lass dich nicht weg«, sagte er.
Das Erwachen am nächsten Morgen war bitter. Eine unsichtbare Mauer trennte sie von letzter Nacht. Jedes Gefühl war in ihr erstorben. Nichts war ihr mehr gegenwärtig. Und gleichzeitig war alles unheimlich gegenwärtig. Sie packte ihre Taschen und stieg über den bewegungslos auf einer Matratze vor ihrer Tür Liegenden hinweg.
»Vergangen!!!«, schrieb sie mit rotem Lippenstift auf den Garderobenspiegel. Dann stand sie neben ihm, schaute auf ihn herunter.
Vor ihren Augen verschwamm alles. Ein Film lief in ihrem Kopf ab. Schwarz und grau und undeutlich jagte er sie, jagte sie ihn. Rote Schrift. Blutrote Schrift. In ihrem Kopf summte es.
Du sollst mich niemals vergessen. War es das nicht, was du zugleich fürchtetest und ersehntest, als du mir Wunden schlugst, die ich selber nicht mehr lecken konnte, die mich verbluten ließen. Ich habe nur neun Leben. Und wer mich tötet, soll sterben wie ich.

Sie öffnete die Augen, strich mit den Fingern über die winzige Kerbe auf ihrem Tisch. Ihre Nasenflügel bebten. Ein Flüstern nur.
»Geliebter, du bist mein und ich bin dein, für immer.«
Sie sah ihn. Sie winkte. Sie sah ihn überall. Wie er sie ansah. Wie er die Arme nach ihr ausstreckte. Voll Sehnsucht. Immer und überall.
Es gibt Dinge, die will man nicht verzeihen, dachte sie und lächelte.

© Sarah Ines

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