»sarah ines« LESEN

Märzepisode

Es war Samstagmittag. Paul war nicht da. Franziska vermisste ihn, aber zugleich war sie froh, alleine zu sein. Wo er jetzt wohl war, was er jetzt wohl tat und mit wem er es tat? Ein Geschäftsmann auf Reisen kam nur allzu leicht in Versuchung. Sie fragte sich oft und seit vielen Jahren, ob sie wirklich die war, die er sich in seinen Träumen wünschte. Sie war nicht perfekt und wollte es doch sein. Sie war keine gute Partie. Er war eine. Er war ein ganz normaler Mann, der ihr manchmal auf die Nerven ging. Und doch war er etwas Besonderes. Sie wollte ihn nicht besitzen, und doch schrie manchmal eine Teufelin in ihr, die ihn ganz für sich haben wollte, die wollte, dass er ihr Beschützer und ihr Sklave sei. Genauso wie sie zugleich ganz ihm gehören und doch frei sein wollte. Was war Freiheit? Konnte man sie teilen?

Sie leistete sich heute den seltenen Luxus, im Bett zu frühstücken. Danach zündete sich, noch im Negligé, ein Zigarillo an, einen dieser kleinen braunen Stängel, die ihr das Gefühl gaben, sie sei Audrey Hepburn in »Frühstück bei Tiffany« oder eine reiche Müßiggängerin, die nur das arbeitete, was sie arbeiten wollte und sich nicht für die Miete in einem Büro prostituieren musste. Sie zog den Rauch tief in ihre Lunge. Plötzlich schienen die Wände ihrer kleinen Wohnung zurückzutreten und den Blick auf eine andere Welt freizugeben. Sie schloss die Augen, um dieses Gefühl für einen winzigen Moment festzuhalten.

Sie war wieder in Paris in dem kleinen Hotel Excelsoir in der Rue de Cujas. Sie lag auf dem französischen Bett und betrachtete versonnen die Sonnenstrahlen, die zum Fenster hereintropften. Sie streckte ihre Glieder und in ihrem Blut führten kleine Teufelchen einen freudigen Tanz auf. Als sie aufstand, flüsterte eine Stimme ihr ins Ohr, was sie heute alles tun würde. Sie würde im Jardin du Luxembourg den alten Leuten beim Taubenfüttern zusehen. Sie würde die Blicke der jungen Männer auf sich spüren, die sie im Vorbeigehen musterten. Sie würde sich den aussuchen, der ihr am besten gefiel. In Gedanken bei Paul würde sie mit diesem Fremden durch St. Germain de Près wandern und sich mit ihm durch die kleinen Boutiquen und Buchläden wühlen. Und sie würde alles kaufen, was sie sich schon lange wünschte. Der Fremde würde ihr sagen, wie schön ihre Augen wären. Und sie würde ihm sagen, wie schön es wäre, ihn wiederzusehen, aber leider wäre er nur ein Flirt und ihr Mann warte schon auf sie, und ihn verabschieden. Sie würde weitergehen und in der Brasserie auf dem Boulevard St. Michel mit Paul, der dort schon auf sie wartete, einen Café au Lait trinken und daran denken, wie es wäre, jemand anders zu sein.

Sie öffnete ihre Augen, drückte das Zigarillo im Aschenbecher aus und war wieder in der ganz normalen Welt, dem ganz normalen Wahnsinn, wie sie zu sagen pflegte.

Es war immer noch Samstag und sie hatte noch eineinhalb Tage zu ihrer freien Verfügung, bevor sie wieder im Büro an ihrem Computer sitzen würde, wo das Leben draußen an ihr vorüberging, wo sie die Sonne nur von draußen hereinscheinen sah, wo sie ihre Arbeit leidenschaftslos aber, wie sie hoffte, gut machte, wo sie zu netten Kollegen nette Worte sagte, die sie auch meinte, die aber nichts bedeuteten.

Franziska stand auf. Ihr Nachthemd glitt ihr von den Schultern. Sie stieg in die Wanne. Heißes Wasser lief über ihren Körper und ließ sie restlos wach werden. Immer noch wehrte sie sich dagegen, aus ihren Träumen aufzuwachen. Der Strahl aus dem Duschkopf massierte ihre Brüste, sodass Ihre Brustwarzen sich aufrichteten und nach mehr sehnten. Wie immer beendete sie ihr Duschritual mit einem Schwall kalten Wassers. Sie rubbelte sich trocken. Nackt vor dem Spiegel legte sie ihre dezente Maske aufs Gesicht. Mit einem frechen Lächeln um den Mund zog sie sich dann halterlose Strümpfe an und betrachtete sich einen Moment angelegentlich im Spiegel. Das hatte sie lange nicht getan. Dann stand sie vor dem Kleiderschrank, schaute auf ihre Kleider, die wie leblose Puppen im Schrank hingen und darauf warteten, von ihr erwählt zu werden. Sie fackelte nicht lange und nahm das nächste beste Kleid heraus, in dem sie glaubte, sich am attraktivsten und wohlsten zu fühlen.

Als sie gerade in ihre Schuhe schlüpfte, hörte sie, wie ein Schlüssel sich im Schloss drehte. Sie öffnete Paul die Tür, bevor er es selbst tun konnte und drückte ihm einen überschwänglichen Kuss auf den Mund.
»Wie war die Reise?« fragte sie ihn.
»Anstrengend«, sagte er, »aber recht erfolgreich.«
»Du hast es ihnen wohl mal wieder gezeigt«, witzelte sie.
»Was denkst du denn?«, antwortete er im gleichen Tonfall und nahm sie in den Arm. Dann lachte er.
»Oh la la. Was fühle ich denn da«, sagte er, während seine Hände über ihre Beine glitten und da Halt machten, wo ihre halterlosen Strümpfe endeten.
»So möchte ich gerne öfter begrüßt werden«, sagte er mit schelmischem Gesichtsausdruck.
»Später«, sagte sie, ganz rätselhafte Sphinx.
»Okay«, antwortete er, »ich dusche mich schnell, ziehe mir was Nettes an und dann geh'n wir erstmal was Anständiges essen, einverstanden?«
Franziska nickte.

Als sie sich im Bad noch schnell die Lippen nachzog und sich mit Nummer 5 einsprühte, sah sie im Spiegel, wie Paul sich hinter ihr in der Wanne einseifte, und es schien ihr, als würde sie seinen Körper das erste Mal sehen. Die Härchen auf seiner Brust, die jetzt vor Wasser und Seife glänzten, sein kleines Bäuchlein, das sie gerne wieder straff sähe, das Muskelspiel seiner Arme, die gerade konzentriert seinen jetzt weichen und unaufgeregten Penis einseiften. Sie strich ihm spielerisch darüber. Und er schaute ihr erstaunt hinterher, als sie hinausging und die Tür hinter sich zuzog.

Das Taxi fuhr über die Isarbrücke und brachte sie zum Pacific, das inzwischen beinahe zu ihrem Stammlokal avanciert war. Paul hielt ihr die Tür auf und strich ihr noch schnell über den Po, bevor er ihr folgte. Ohne sich umzusehen, ging sie zielstrebig zu ihrem Lieblingstisch und dachte bei sich: Das ist also der andere Paul.

Am Tisch sahen sie sich über die Speisekarten hinweg unverwandt an. Dann bestellte er den Aperitif, zwei trockene Martini. Beim Essen sprachen sie kaum. Erst als der erste Hunger gestillt war, lösten sich ihre Zungen wieder. Franziska lehnte sich zurück. Der Bartender lächelte zu ihr herüber. Sie nickte ihm zu. Paul sprach ihr jetzt von seiner Reise, von dem guten Geschäft, das er für das Hotel, wo er Geschäftsführer war, eingefädelt hatte. Franziska hörte derweil mit einem Ohr zu, mit dem anderen Auge schaute sie sich neugierig um.

In einer Ecke saß eine Frauenclique, die sich leise und verschwörerisch über unbekannte Tatsachen austauschte. Vielleicht über die Qualitäten ihrer Männer oder deren Unverschämtheiten. Vielleicht über den Chef, der mal wieder nicht das getan hatte, was man von ihm eigentlich erwartete. Vielleicht über die heimlichen Träume, die romantischen Wünsche oder die sündigen und unausgelebten erotischen Fantasien. Eine von ihnen hatte ein Baby im Arm, das laut vor sich hin brabbelte und unterhielt sich mit ihm in einer Geheimsprache, die nur die beiden verstanden. Am Tisch nebenan saß ein Paar, das sich anschwieg. Zwei Leute in schicken Klamotten, die trübselig in ihrem Essen stocherten. Der Mann schaute missmutig zu dem Lärm hinüber, den das brabbelnde Baby verursachte. Die Frau lächelte das Kind unverhohlen an und schaute dann mit leblosem Blick ihren Begleiter an. An der Bar ein paar Starnberger Fuzzis, die nur eins mit Sicherheit wussten, und noch nicht einmal das, dass sie die unglaublichsten und besten Menschen auf dieser Welt waren. Nur in ihren Augen trauriges Leben. In einer Ecke zwei ältere Leute mit Gesichtern, auf denen das Leben schon viele Falten hinterlassen hatte. Sie schauten sich verliebt an und ließen das Essen kalt werden. Und jeder im Lokal schaute zu ihnen hin und dachte: So wollen wir auch mal sein, wenn wir alt sind.

Paul sprach immer noch, er hatte inzwischen das Thema gewechselt. Seine Stimme, die sich jetzt in den Untiefen der Politik verlor, die unausrottbare Dummheit kriegführender Menschen bespöttelte, dann weiterzog nach Paris, wo sie sich vor einigen Wochen an einem langen Wochenende vor lauter Faszination am Alles sehen wollen ihre Füße ruiniert hatten, verursachte Franziska ein merkwürdiges Kribbeln. Ihre Fantasie galoppierte ihr davon, doch sie sagte nichts. Dieser seltene Moment der Hingabe sollte durch nichts gestört werden. Die Zeit war so kurz.

Eine Viertelstunde später saßen sie an der Bar. Die Gläser klirrten. Paul nahm einen Schluck aus seinem Bierglas und seufzte. Franziskas After Dinner Cocktail erregte ihre Geschmacksknospen und zauberte ein Lächeln auf ihr Gesicht. Sie fühlte sich wie ein Luxusweib. Er grinste breit, als hätte er ihre Gedanken gelesen.
»Jeder Tag müsste so zu Ende gehen«, sagte er, als deklamiere er eine Gedichtzeile.
»Doch schon morgen oder übermorgen ist wieder alles ganz normal«, fuhr er nach einem Moment des Schweigens bedauernd fort, »Du kämpfst im Büro mit Marketingslogans und ich ärgere mich schwarz, weil irgendeiner wieder zu spät kommt oder die Zahlen wieder nicht stimmen oder weil irgendein Gast nicht zufrieden ist oder weil ich irgendetwas Unbedeutendes oder gar nicht so Unbedeutendes vergessen habe. Und dann abends die lähmende Müdigkeit, der Staub in den Ecken, die schmutzigen Teller in der Küche. Und kein Zimmermädchen weit und breit, das alles für uns erledigt und uns ein Taxi zum Lido bestellt.«
Franziska lachte und prostete ihm zu.
»Was macht das schon«, sagte sie, »wir sind ja jetzt hier.«
Er lächelte sie an und sein Blick machte sie zittern, doch sie sagte nichts. Was sollte sie schon sagen, was sie nicht schon tausend Male gesagt hatte.

Franziska ließ ihren Blick wieder schweifen. Neben ihr war er sehr gegenwärtig. Ab und zu berührte er ihre Beine, erfühlte ihre schon etwas verrutschten Strumpfhalter. Ein Stück weiter saß ein anderes Paar an der Bar und schien ebenso still zu genießen wie Franziska und Paul. Etwas Unbenennbares erregte Franziskas Neugier. Diese kindliche Neugier, über die Paul immer lachen musste. Auf den ersten Blick sahen die Beiden ganz normal aus. Eine Frau in den Dreißigern im Samstagabend-Schick und ein zurückhaltender Mann im besten Alter, die Wein schlürften und ab und zu ein Wort wechselten, dann ein neues Glas bestellten und dann und wann ein kurzer Blick auf die anderen und wieder zurück. Doch da war noch etwas anderes. Die etwas ungewöhnliche Kette der Frau, einer Sklavenkette gleichend, und ihre Präsenz, die wie ein Duft war, dem man sich nicht entziehen konnte. Dazu der intensive Blick des schweigsamen Mannes neben ihr.

Franziska hob ihr Glas, prostete den Beiden zu, bevor sie sich wieder Paul zuwandte und sich mit ihm in ein Ballspiel aus Worten und Blicken verstrickte. Dieser Tag sollte nie zu Ende gehen.

Aber dann war er doch schon zu Ende. Das Pacific schloss um Drei seine Tore. Und auch Stammgäste mussten irgendwann einmal gehen. Paul brachte noch sein Bier auf die Toilette. Während sie auf ihn wartete, zog Franziska in Gedanken die letzten Minuten in die Länge, zog wie im Ritual eines umgekehrten Striptease ihre Lederjacke über. Ihr Seidenschal legte sich wie der Wind des kommenden Sommers leise und leicht um ihren Hals. Sie machte ein paar Schritte Richtung Ausgang und blieb dann stehen. Direkt neben dem Paar, das so merkwürdig auffällig unauffällig war. Und während sie Paul schon auf sich zukommen spürte, lächelte sie die Frau an.

»Schade, dass ...«, sagten sie beide gleichzeitig und mussten lachen.
»Trinken wir noch ein letztes Glas«, fragte der Mann.
»Gerne«, sagte Paul hinter Franziska und legte seinen Arm um sie.

»Einer geht noch, oder?«, sagte der Mann zum Barkeeper, der schon dabei war, den Tresen zu putzen und Gläser zu polieren.
»Was wollt ihr?« fragte er Franziska und Paul.
»Whisky«, sagten sie wie aus einem Munde.
»Lagavulin«, sagte Franziska.
»Laphroaig«, sagte Paul.
»Okay«, sagte der Mann, »und für uns noch mal das Gleiche«, fuhr er, zum Barkeeper gewendet, fort und zeigte dabei auf die leeren Weingläser.

Sie nippten an ihren Gläsern, die einen an roter, die anderen an goldbrauner Flüssigkeit und erzählten sich in Kurzform, wer sie waren. Steckbriefe. Namen und Berufe. Schlagworte, die kleine unbedeutende Hinweise auf die Persönlichkeit eines Fremden sein konnten oder auch nicht. Franziska. Werbetexterin. Paul. Hotelmanager. Barbara und Oliver. Mitarbeiter im Innenministerium.
»Das wäre also geklärt«, sagte Franziska ironisch und hob ihr Glas.
»Worauf trinken wir?« fragte Oliver.
»Darauf, dass dieser Abend nicht so schnell zu Ende geht«, antwortete Barbara.
»Also, wo gehen wir noch hin?«, fragte Paul.
»Wie wäre es mit der Weinstube am Hofgarten«, störte eine Stimme neben ihnen die Intimität, die gerade schüchtern ihren Kopf erhob, um vier Menschen zusammenzubringen. Franziska schaute sich irritiert über die Einmischung um und sah einen Mann, der sie offensichtlich nicht sah. Seine blinden Augen lächelten in ihre Richtung.
»Warum nicht«, sagte Barbara neben ihr. »Kommen Sie mit?« fragte sie dann mit plötzlich weicher Stimme.
Die anderen nickten.
»Gerne«, sagte der Blinde und rückte näher zu ihnen herüber. Ein weiterer Steckbrief. Ein blinder Englischlehrer.

Als sie nach fünfminütiger Fahrt aus dem Taxi stiegen, bat der Blinde Barbara um seinen Arm. Sie betraten das Lokal, das einer bunten Mischung von Nachtschwärmern eine letzte Einkehr bot. Der Blinde ließ Barbaras Arm los und ging zielstrebig auf einen separierten Ecktisch zu, als wäre hier sein Wohnzimmer. Die anderen gruppierten sich um ihn herum. Er bestellte bei der Kellnerin, die ihn freundlich begrüßte, einen roten Wein, den er ihnen als besonderes Geschmacksknospenerlebnis anpries. Franziska schmiegte sich an Paul. Einen Moment lang war ihr etwas schummerig zumute. Dann riss sie sich zusammen. Der Blinde riss charmant aber unaufhaltsam das Gespräch an sich. Die Worte plätscherten dahin und Franziska schwankte zwischen Lachen und Ärger. Am liebsten hätte sie diesem gut aussehenden Mann mit Handicap die Zunge herausgestreckt. Denn sie hatte das undefinierbare Gefühl, dass in den Köpfen von Barbara und Oliver etwas steckte, das sie entdecken wollte. Aber das musste warten. Denn wie unterbrach man einen blinden Mann, der einem Schwänke aus seinem Leben erzählte. Wie sagte man einem blinden Mann, dass man gerne unter sich wäre. Sie ärgerte sich über ihr Mitgefühl, das sie daran hinderte, ihm zu sagen, er solle sich zum Teufel scheren. Sie ergab sich in ihr Schicksal, wie sie es jeden All- und Arbeitstag in ihrem Leben tat und beteiligte sich ironisch an allerlei trunkenen Allgemeinplätzen.

Franziska erinnerte sich nicht, wer das Stichwort gegeben hatte, doch plötzlich standen alle auf und zogen ihre Jacken an. Nur der Blinde blieb sitzen und versicherte auf Barbaras Frage hin, sie könnten ihn ruhig alleine lassen, er kenne sich hier aus. Sie verabschiedeten sich und stiegen zu viert in ein Taxi. Es schien Franziska nur ein paar Straßen weiter zu sein, als der Wagen vor der Wohnung der Beiden hielt und sie sich anschickten, zu zahlen und auszusteigen. Nun war der Abend wohl doch unwiederbringlich zu Ende, die Chance vielleicht vergeben, das Geheimnis zu lüften. Franziska hätte weinen mögen. Zugleich war sie erleichtert. Sie konnte sich nicht erklären, warum.

Franziska öffnete den Mund, um sich zu verabschieden, als Barbara ein Zauberwort sprach, sie zu einem letzten Drink einlud und alles wieder von vorne anfing. Paul akzeptierte mit einem rätselhaften Lächeln. Franziska folgte als Letzte dem Tross, der sie in eine fremde Wohnung führte, ihr die Jacke abnahm, sie bat, in der Küche Platz zu nehmen und einen rosa prickelnden Schampus kredenzte. An der Wand hing das Foto eines Jazzmusikers, der wie eine männliche Mona Lisa auf sie herabschaute und sie zu etwas aufzufordern schien. Franziska zog sich in ihr Schweigen zurück, lauschte, wie die Männer über ihre Jobs sprachen, beobachtete, wie Barbaras Hand auf Olivers Bein lag und ihn leicht fast unsichtbar streichelte, spürte Paul neben sich und doch war alles fern. Ihr Schweigen vertiefte sich und wie so oft, war da wieder dieses Gefühl in ihr, als gäbe es nichts zu sagen, was wert sei, es auszusprechen, es in die Welt hinauszuposaunen. Dennoch genoss sie die Situation, die Spannung, die im Raum war und sich immer mehr ausbreitete.

Plötzlich stand Barbara auf, nahm Franziskas Hand. Franziska hörte ihre Worte nicht. Sie war in dieser anderen Welt, ihrer geheimen Fantasiewelt, die noch niemand betreten hatte. Sie folgte Barbara, einer Marionette gleich, ohne zu wissen, wohin sie ging. Aus der Küche hinaus. Durch einen langen Flur. Eine Treppe hoch. In ein großes Schlafzimmer mit vielen Bildern an den Wänden, die nur ein einziges Körperteil darstellten, einen verhüllten und enthüllten Po. Franziska erwachte plötzlich aus ihrer Trance, als Barbara ihren Busen berührte. Franziska schaute sie verwundert an. Sie zitterte und zog sich ein wenig zurück. Sie wollte, dass Barbara sie wieder so berührte, aber sie fürchtete sich. War das nicht eine Fantasie, die Fantasie bleiben sollte? Sie fühlte sich unschuldig wie ein neugeborenes Baby. Sie flüchtete sich in Worte.
»Ich kann nicht«, sagte sie. »Ich habe mir das schon oft vorgestellt, aber ...«
Barbara schaute sie abwartend an.
»Es kommt mir vor wie ein Ersatz«, sagte Franziska einfach. Sie flüchtete langsam die Treppe hinunter. Barbara folgte ihr.

Als sie die Küche betraten, erwarteten sie zwei gespannte Augenpaare. Ihr seid schon wieder da, schienen die Augen der beiden Männer zu sagen.
»Schade«, sagte Oliver leise zu Barbara, aber nicht leise genug, dass Franziska es nicht gehört hätte.
Franziska flüchtete nach vorn.
Sie sagte: »Ich habe Nein gesagt, ich konnte es nicht ...«
Sie verstummte und hielt sich am Stuhl fest, der unter ihr zusammenbrechen wollte. Fantasien waren gefährlich. Der Alltag war langweilig, aber sicher.

Paul neigte sich zu ihr und flüsterte ihr ins Ohr: »Ich möchte dich gerne sehen. Ich möchte euch gerne sehen. Ich würde dir alles dafür geben, wenn ich das einmal sehen könnte, wenn ich einmal die andere in dir sehen könnte, die, die ich nicht kenne, die, die sich den Blicken einer anderen Frau hingibt. Wünsch dir von mir, was du willst. Ich gebe es dir.«
Seine Stimme klang flehend und weckte ein unbekanntes Echo in Franziskas Sonnengeflecht. Die Bilder in seinem Kopf, die sie nicht sah, nur spürte, der Gedanke, dass er in diesem Moment alles dafür geben würde, selbst sein Leben, um sie einmal anders zu sehen. Der Gedanke, dass er alles Geld und all seinen Stolz für eine letzten Endes doch so einfache Sache geben würde, erregte sie. Und plötzlich ließ sie alle Masken fallen.

Barbara stand neben Oliver auf der anderen Seite des Tisches und beobachtete gebannt die Wandlung, die in Franziskas Gesicht stattfand. Franziskas Blick schien Barbara zu verbrennen. Ihr Blut tanzte durch den Raum. Eine ganz gewöhnliche Küche eines nicht ganz unwohlhabenden Paars, in der ein ganz gewöhnliches Leben seine Bahnen zog, löste sich plötzlich auf. Ein Nebel erhob sich und vier weibliche Augen leuchteten darin und zogen sich an. Wie von Fäden gezogen, ging Barbara auf die eben erwachten Hexenaugen der anderen Franziska zu. Franziskas Beine öffneten sich wie von selbst. Ihr Rock rutschte hoch, wie von Geisterhänden geschoben. Barbaras Mund fiel in ihren Schoß und verlor sich darin. Franziska löste sich von ihrem Selbst. Sie stand auf und sah sich auf dem Stuhl sitzen, sah Barbaras gierige Zunge zwischen ihren Beinen, hörte die Stimmen der Männer, die wie gebannt an ihre Stühle gefesselt waren und aus deren Mündern sich Sprechblasen lösten. Oliver bewunderte Franziskas haarlosen Venusberg, den er nur von Ferne erahnen konnte. Doch es gab keine Männer mehr, nur noch zwei entfesselte Bacchantinnen. Franziska wusste nicht, was geschah. Sie wusste nicht mehr, wer sie war. Die Welt war ein Jammertal und ein Hort der Lust. Wo war die Liebe? War das Liebe? Wo war Paul? Wo war sie selbst? Wer war sie? In einem Tal der Gefahr, das sie jeden Tag in ihren Träumen durchschritten hatte und doch nie gewagt hatte zu betreten. Da erwachte das Weib Franziska. Sie trat in sich selbst zurück und übernahm die Initiative. Noch ein wenig schüchtern aber ganz sie selbst streckte sie ihre Hände aus. Barbara hielt inne. Das Melonental ihres Dekolletés glänzte im Nebel der aufgehenden Morgensonne. Franziskas Hände verharrten stumm in einem Moment der Stille und senkten sich dann auf die Brüste dieser Göttin vor ihr. Sie sah sich selbst in Barbara, berührte sich selbst in dieser anderen Frau, gab ihr, was sie sich selbst nie gab. Ihre Hände verloren sich in diesem Meerbusen der schaumgeborenen Venus.
»Du bist schön«, flüsterte sie in Barbaras stumme Ohren.
»Du bist ich, und ich bin du«, tropften ihre Worte durch den Raum.
Barbara zog an ihr. Halb zog sie sie, halb sank sie hin. Der Boden kam ihnen entgegen. Der Küchenboden wurde zu einem Bett des Himmels. Barbaras Mund entrang sich ein Stöhnen, als Franziska sich nun ganz ihren wunderschönen Mutterbrüsten widmete, sie erforschte, als würde sie sich selbst das erste Mal sehen. Ihre Stimme durchbrach plötzlich den Traum, der sie einspann.
»Wo sind die Schwänze«, sagte Barbara mit einer fremden Stimme.
Franziska legte ihr die Hand auf den Mund, bedeutete ihr zu schweigen.
»Wir brauchen keine Schwänze, wir brauchen nur uns selbst. Spürst du mich nicht ...?«
Barbara verstummte und ihr Stöhnen ließ den Raum erzittern. Franziska wunderte sich. Sie war nicht wirklich erregt. Kein Honig zwischen ihren Beinen. Nur der Honig der Fantasie in ihren Gedanken. Sie wollte dominieren. Sie wollte diese andere aus sich herausschleudern. Sie gab dieser anderen, was sie sich wünschte, gab ihr den kleinen Tod, führte sie durch das Tal des Nichts. Sie selbst blieb trocken. Da war nur dieser wilde Sturm, der ihr Gehirn durchtobte und erst wieder zur Ruhe kam, als Barbara sich unter ihr aufbäumte. Franziska stand auf, schaute auf Barbara hinunter, die wie hingegossen dalag und in ihrem Kopf war die Ruhe vor einem neuen Sturm. Sie war die andere. Sie nahm ihr Glas, ließ den Champagner auf ihrer Zunge schmelzen. Der Nebel hob sich und enthüllte zwei Männer, die gerade erwachten, die sich im Licht der Morgensonne wieder rührten, als seien sie eben von den Toten auferstanden. Paul sah zu Franziska auf und seine Augen sprachen Worte in einer unbekannten Sprache, die viele Jahrhunderte alt war. Franziska war die Göttin, die die Sterne vom Himmel fallen ließ und den Lauf der Welt veränderte.

Der Rest war Schweigen und unerfüllte aber betörende Lust. Zwei Männer von trunkener Lust geführt, führten ihre Frauen, die sie führten, in ein Schlafzimmer, in dem immer noch die verhüllten und enthüllten Hinterteile von unbekannten Frauen von den Wänden lächelten.

Franziska fürchtete sich plötzlich. Sie fürchtete, die Macht zu verlieren, die sie eben noch besessen hatte. Schüchtern wie ein Kind hielt sie Pauls Arm, hielt ihn zurück.
»Warte«, sagte sie und verstummte.
Paul sah sie erwartungsvoll an.
Franziskas Stimme zitterte, als sie fortfuhr: »Falls du es willst, würde ich es verstehen, aber ...«
Paul sah sie an. Er wusste schon, was sie sagen wollte, aber er wartete.
Franziska fuhr fort: »Ich möchte nicht, dass du mit ihr ...«
»Hab keine Angst«, sagte er, »ich bin loyal. Ich werde es dir beweisen.«

Und dann lag sie unter ihm und spürte seinen Dolch, der an ihre Pforte klopfte. Von Weineslust erschöpft, konnte er sein Ziel nicht mehr finden, aber das war unwichtig. Wichtig war die Fantasie. Wichtig war das Erlebnis. Erregend der Gedanke. Die beiden, die neben ihnen Lust fanden. Die da waren und doch fern. Die ihre Lust fanden. Vielleicht.

Als Oliver beseligt in Schlaf fiel, wandte Barbara sich plötzlich ihnen zu. Sie schien teilnehmen zu wollen an Pauls weinseligen Kampf mit seinem Körper, der Franziska nur noch mit seinen Gedanken durchdringen konnte. Barbara drängte sich von hinten an Paul, störte die Sphäre des intimen Kampfes, der Franziska an Paul band und Paul an Franziska. Doch Paul ließ sich nicht beirren.
»Hab keine Angst«, flüsterte er.
Franziska fürchtete sich, doch sie zwang sich zu vertrauen. Sie zwang sich, der Gefahr ins Auge zu blicken. Wer war sie schon, dass sie über andere bestimmen konnte? Wer war sie schon, dass sie Paul nur an sich binden durfte?
»Tu, was du willst«, flüsterte sie zurück.
»Das werde ich«, antwortete er.
Der Kampf der Körper dauerte noch lange. Und Barbara war gegenwärtig, doch nur ein Zaungast. Paul schien sie nicht zu beachten. Seine Aufmerksamkeit war ganz bei Franziska. Und doch genoss er die Begierde dieser anderen, die teilnahm, ohne teilzunehmen. Bis er kam, der Fantasie-Orgasmus, der nicht wirklich war.

Franziska kuschelte sich in Pauls Arm.
Ihr Verstand war noch wach, fragte: »Wollen wir hier schlafen?«
Er nickte und sie entspannte sich in seinem Arm und fiel in einen traumlosen Schlaf. Als sie ein paar Stunden später erwachte, waren sie allein. Barbara und Oliver hatten sich offensichtlich respektvoll in ein anderes Zimmer zurückgezogen. Die Sonne wärmte. Franziska betrachtete Paul, der ihren Blick spürte und die Augen aufschlug. Sie spürte die Liebe, die ihr aus seinen verhangenen Augen entgegenschlug. Zusammen sahen sie auf eine mit liebevoller Hand gestaltete Dachterrasse hinaus, die einem kitschigen Hollywoodfilm entsprungen schien. Unisono zogen sie sich, zog Franziska sich an, zog Paul sich an. Die Kleider der Nacht, die Masken des Tages wurden unvollständig, wie sie waren, wieder angelegt. Gemeinsam taperten sie die Treppe hinab. Franziska duschte sich als Erste, benutzte das fremde Badezimmer, legte ihre geliebte dezente Maske wieder an, während Paul sich hinter ihr ebenfalls duschte. Gemeinsam fanden sie in der Küche einen wachen Oliver, verabschiedeten sich und gingen in einen fremden Morgen hinaus.

Sie hielten Händchen, wie sie es lange nicht getan hatten und wussten, man konnte alles miteinander tun, alles miteinander entdecken. Fremde Länder, fremde Orte. Fremde Menschen, fremde Körper. Fremde Gedanken, verschlungene Fantasien. Man konnte die Pfade der Moral scheinbar verlassen. Man schuf eine echte Moral. Wenn man sich nur selbst treu blieb und sich die Treue hielt. Paul und Franziska gingen durch ihre Stadt wie zwei Träumer, für eine lange Nacht dem Alltag entflohen. Zurück im Alltag war ihre Stadt die Stadt der Liebe geworden.

Und als sie nach Hause kamen, war der Alltag wieder da. Am nächsten Morgen mussten sie wieder aufstehen und funktionieren, doch das machte nichts, denn nichts mehr war normal. Der Alltag würde von nun an immer den Zauber des Unbekannten in sich tragen. Mitten in den langweiligen kleinen Toden des Arbeitslebens würde für immer das Ungeplante und Unerwartete lauern, das Gefürchtete und Erwünschte.

Franziska wusste nun, dass sie Paul vertrauen konnte. Auch dann, wenn er ihr am wenigsten gehörte. Auch dann, wenn sie sich am wenigsten gehörte. Auch dann, wenn sich Abgründe auftaten.

Und sie wusste nun, dass sie eine andere war.

© Sarah Ines

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